Neue Abrechnungsmodelle für Schlachtschweine bei Tönnies und Westfleisch

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Nachdem die AutoFOM-Abrechnungsmodelle der Schlachtunternehmen seit längerem stabil geblieben sind, haben die Unternehmen Tönnies und Westfleisch Ende November bzw. Mitte Dezember 2017 angekündigt, die seit 2011 bzw. 2014 verwendeten Modelle mit Beginn des Jahres 2018 anzupassen. Hintergrund der Anpassung sollen nach Informationen der Schlachtunternehmen die geänderten Vermarktungsmöglichkeiten von eher fetteren Bäuchen bzw. von insgesamt etwas fetteren Schlachtkörpern sein. Dies hat insgesamt zur Folge, dass das Teilstück Schinken-schier nach wie vor den Handelswert mit ca. 44 – 45 % bei Westfleisch und mit ca. 50 % bei Tönnies bestimmt und damit das wichtigste Teilstück zur Bestimmung des Handelswertes der Schlachtkörper bleibt. Tönnies nimmt jedoch in dem neuen System die Schinken-schier-Bewertung um 0,05 – 0,10 Indexpunkte / kg Schinken-schier (IXP) zurück und erhöht die Bewertung der Bäuche mit abnehmenden Bauchfleischanteil (BFL) von 0,05 über 0,15 bis 0,25 IXP/kg Bauch (Übersicht 1). Bei Westfleisch bleibt die Schinken-schier-Bewertung unverändert, aber die Schulter geht gewichtsunabhängig mit 0,2 IXP/kg Schulter-schier weniger in den Gesamtindex Index ein als bisher. Ob es hier auch Hintergründe in der weiteren Verwertung des Teilstücks gibt, ist nicht bekannt.

Übersicht 1

Unter 55 % BFL werden die Bäuche bei Westfleisch um 0,1 IXP/kg Bauch niedriger bewertet. Bäuche unter 12 kg Teilstückgewicht werden unabhängig vom BFL bei Westfleisch statt mit 1,0 jetzt mit 1,1 bewertet. Diese Systemgrenze gab es und gibt es beim Tönnies-System nicht.

Während der Schlachtgewichtskorridor und die schlachtgewichtsbedingten Abzüge bei Tönnies unverändert bleiben, wird das System bei Westfleisch im Schlachtgewichtsbereich etwas vereinfacht. Erst unter 83 und ab 107 kg Schlachtgewicht (SG) reduziert Westfleisch den Index um jeweils 1 IXP/kg Abweichung im Schlachtgewicht.

Beide Unternehmen haben das eigentlich als systemfremd einzustufende Element der Systemobergrenze um 0,01 IXP auf maximal 1,04 IXP/kg SG reduziert.

Erlösminderungen aufgrund der Maskenänderungen

Die Auswirkungen der ab 02.01.2018 bei Tönnies und bei Westfleisch geltenden Änderungen der AutoFOM Abrechnungsmodelle werden im Folgenden anhand von ca. 800.000 Schlachtdatensätze bei Tönnies bzw. ca. 700.000 bei Westfleisch jeweils in Abhängigkeit vom Geschlecht der Schlachtkörper analysiert. Für Vertragsbetriebe der Westfleisch gelten die Änderungen erst ab dem 15.1.2018. Die Daten stammen von Schlachtschweinen aus dem Schlachtzeitraum September – November 2017 (Übersicht 2).

Übersicht 2

Die Stichprobe weist bei den Tönnies-Schweinen sowohl bei den Sauen als auch bei den Kastraten ein etwas höheres SG bei gleichzeitig einer etwas größeren Streuung aus. Die bei Tönnies geschlachteten Kastraten haben bei den Bäuchen im Durchschnitt um 0,3 kg höhere Teilstückgewichte und gleichzeitig etwa 0,9 niedrigeren BFL-Anteil. Auch das höhere Speckmaß nach AutoFOM der Kastraten bei Tönnies weist darauf hin, dass die ausgewerteten Stichproben unterschiedlich zu betrachten sind und einen Unternehmensvergleich nur eingeschränkt ermöglichen.

Durch die Systemanpassung verlieren unternehmensunabhängig alle Schlachtkörper Indexpunkte: Die Sauen bei Westfleisch 1,31 IXP/Schlachtkörper und die Kastraten 0,96 IXP/Schlachtkörper, entsprechend bei 1,40 €/IXP ca. 1,83 €/Sau bzw. 1,34 €/Kastrat. Tönnies-Schweine verlieren etwas weniger Punkte, 1,24 Indexpunkte bei den Sauen (1,73 € je Schlachtkörper) und 0,66 IXP bei den Kastraten (0,92 € je Schlachtkörper) (Übersicht 2, Zeile 11).

Keine Unterschiede zwischen den Unternehmen

Ein Vergleich der Berechnungsmodelle über beide Unternehmen setzt voraus, wenn dieser auf der gleichen Datenbasis erfolgt. Aus diesem Grunde wurden die bisherigen und die ab Januar 2018 geltenden Abrechnungssysteme sowohl am Datensatz der Westfleisch als auch an dem des Unternehmens Tönnies kalkuliert. (Übersicht 3). Die Interpretation der Übersicht 3 darf deshalb nur zeilenweise erfolgen, d.h. innerhalb der jeweils ausgewerteten Stichprobe.

Übersicht 3

Sowohl auf der Basis der Tönniesdaten als auch auf der der Westfleischdaten zeigt sich, dass sich die Ergebnisse der bisherigen und auch der neuen Abrechnungsmodelle bei den Sauen und auch bei den Kastraten zwischen den Unternehmen im Mittel nur sehr geringfügig unterscheiden.

Auswirkungen auf einzelne Teilstücke sind unterschiedlich

Schinken- und Lachspunkte bleiben bei Westfleisch nach der Anpassung unverändert. Durch die Änderungen der Schulterbewertung gehen bei den Sauen bei Westfleisch ca. 1,9 und bei den Kastraten ca. 1,8 IXP/kg Schulter-schier „verloren“. (Übersicht 4). Die bessere Bewertung der fetteren Bäuche kann dies nur teilweise ausgleichen: Die Westfleisch-Sauen erlösen beim Bauch um 0,30 und die Kastrate 0,66 höhere Indexpunkte für dieses Teilstück. Bei Tönnies verlieren die Sauen im Bereich Schinken-schier 1,77 und die Kastrate 1,64 IXP/Schlachtkörper. Hier kann die geänderte Bauchbewertung bei den Sauen 0,46 und bei den Kastraten ca. 1 IXP/Schlachtkörper ausgleichen. Die sog. Verlustpunkte, das heißt, die Indexpunkte, die durch Über- oder Unterschreitung der einzelnen Systemgrenzen nicht erreicht werden, sind durch die neuen Systeme zum Teil deutlich reduziert. Das trifft bei Westfleisch für die Grenze der zu leichten Bäuche, der zu fetten Bäuche der zu hohen und zu niedrigen Schlachtgewichte und der allgemeinen Systemgrenze (max. 1,04 IXP/kg SG) zu. Bemerkenswert ist, dass durch die rechnerische Überschreitung dieser generellen Systemobergrenze im neuen System bei Westfleisch nur noch im Mittel 0,10 (bei den Sauen) und 0,04 (bei den Kastraten) „verloren“ gehen (vorher: 0,21 bzw. 0,11). Das ist nahezu eine Halbierung der bisher kalkulierten Werte. Dies gilt auch für das neue Tönnies-Modell, wodurch die Frage offenbleibt, welche Bedeutung dieses „Maskenelement“ künftig überhaupt noch hat.

Übersicht 4

Anpassungen im Einzelfall sinnvoll

Mit jeder Maskenänderung stellt sich die Frage nach den Reaktionsmöglichkeiten auf der Erzeugerseite, um den zu erwartenden Erlösminderungen entgegen zu wirken. Eine aus Sicht der Produktionstechnik vergleichsweise schnell umzusetzende Maßnahme ist immer wieder die Entscheidung nach dem optimalen Schlachtgewicht. Die Verlaufskurven der IXP/kg SG in Abhängigkeit vom SG zeigen unternehmensspezifisch etwas unterschiedliche Verläufe und Maximalwerte (Übersicht 5a und 5b). Die höchsten IXP erreichten die Westfleisch-Sauen bisher bei einem Schlachtgewicht von 94 und 96 kg. Nach Umstellung auf die neue Maske sollten die weiblichen Schweine nicht schwerer als 94 kg SG werden. Einige Kilogramm Schlachtgewicht weniger haben offensichtlich wenig Einfluss auf den Handelswert, gemessen in den Indexpunkten je kg Schlachtgewicht (Übersicht 5a). Dabei sind neben den Abrechnungssystemen auch die Erzeugungskosten des jeweils zusätzlich erzeugten letzten kg Schlachtgewichtes zu berücksichtigen, insbesondere die Futterzuwachskosten im Endmastbereich.

Bei den Kastraten scheinen keine größeren Gewichtsanpassungen im Vergleich zu den bisherigen Empfehlungen erforderlich zu sein. Die höchsten, wenn auch insgesamt niedrigen IXP/kg SG erreichen die Kastraten bei Westfleisch bei etwa 96 Kg Schlachtgewicht. Die Verlaufskurve hat dabei im Gegensatz zu der bei den Sauen nur einen vergleichsweise kleinen Bereich, in dem sich die IXP/kg SG nur wenig ändern.

Übersicht 5a

Die Verlaufskurven der IXP/kg SG in Abhängigkeit vom Schlachtgewicht zeigen bei den bei Tönnies geschlachteten Tieren einen etwas anderen Verlauf (Übersicht 5b). Im Schlachtgewichtsbereich zwischen 92 und 102 Kg Schlachtgewicht zeigen die bisherigen und neuen Werte einen nahezu parallelen Verlauf, allerdings beim neuen System auf einem niedrigen Niveau. Durch diese Parallelität sind auch die Empfehlungen zum optimalen Schlachtgewicht nach dem neuen Modell nahezu unverändert im Vergleich zum bisherigen Abrechnungssystem. Sauen sollten wie bisher zwischen 92 bis 94 kg SG geschlachtet werden, auf keinen Fall schwerer als 95/96 kg. Kastraten dagegen erreichen erst ab 95/96 kg bis etwa 97/98 kg die höchsten IXP/kg SG. Demnach sollten die Kastraten insbesondere wegen der zunehmend schlechteren Futtereffizienz am Ende der Mast mit einem Zielschlachtgewicht von ca. 97 Kg vermarktet werden. Dies entspricht der bisherigen Praxis.

Übersicht 5b

Mit dem bisherigen durchschnittlichen Schlachtgewicht in Höhe von 96 – 97 kg in der ausgewerteten Stichprobe ist der Maximalwert im Merkmal IXP/kg SG zumindest bei den Sauen bereits überschritten.

Die Auswirkungen der Anpassungen in der Bauchbewertung zeigen im Merkmal IXP/kg SG in Abhängigkeit vom BFL erst unterhalb von 53/54 % BFL eine gewisse Besserstellung durch die neue Abrechnungssystematik. Denkbar ist hier eine Reaktion auf Erzeugerseite bei der Auswahl der Besamungseber. Zuwachsbetonte Vererber könnten durch diese Änderung an Bedeutung gewinnen, wenngleich die Merkmale der Fleischfülle nach wie vor dominierend für die Preisfindung bleiben.

Was ist festzuhalten?

  • Ab Januar 2018 gelten bei Westfleisch und Tönnies neue Abrechnungsmodelle für die Handelswertberechnung nach AutoFOM.
  • Anhand von unternehmensspezifischen Daten aus dem Schlachtzeitraum September bis November 2017 ergeben sich für Schlachtkörper der Sauen Erlösnachteile in Höhe von 1,21 bis 1,31 Indexpunkte je Schlachtkörper und bei den Kastraten in Höhe von 0,66 bis 0,96 Indexpunkte je Schlachtkörper.
  • Auf der Basis identischer Daten zeigt sich, dass es bei den Sauen und bei den Kastraten sowohl bei den bisherigen Modellen als auch bei den neuen nur äußerst geringe Unterschiede zwischen den Unternehmen gibt.
  • Die maskenbedingten Abzüge (Verlustpunkte) werden durch die neuen Systeme zum Teil reduziert.
  • Die bisherigen Schlachtgewichte liegen insbesondere bei den Sauen über dem aktuell anzustrebenden Bereich.
  • Künftig sollen „Westfleisch-Sauen“ nicht schwerer als 94 kg SG sein. Kastraten dürfen etwa 2 kg schwerer vermarktet werden.
  • „Tönnies-Sauen“ sollten ebenfalls maximal 94 kg SG haben. Kastraten dürfen hier bis ca. 97 kg SG aufweisen.
  • Die Auswirkung des kürzlich durchgeführten Softwareupdates bei den AutoFOM Geräten durch den Hersteller der AutoFOM Technik haben nach Auskunft der Behörden nur bei Einzeltieren einen gewissen Effekt. Eine Anpassung der Schätzformeln soll danach nicht erforderlich sein. Mehr dazu lesen Sie im Beitrag Software-Updates bei AutoFOM.

Autor: Dr. Friedhelm Adam und Franz-Josef Hartmann